Findlinge

 

 

 

Ungeheuer ist viel. Doch nichts

ist Ungeheurer als der Mensch.

                                                                    Sophokles, Antigone

 

 

 

An dieser Stelle werden Bücher und andere Informationsträger bekannt gemacht, deren Lektüre geeignet scheint, das Vereinsziel zu fördern. Der Akzent soll dabei auf dem Erinnern liegen. Erinnert werden soll nicht nur an Vorgänge, sondern auch - sogar vor allem - an Menschen, die durch ihr Verhalten Zeugnis dafür gegeben haben, dass ein friedvolles Zusammenleben von Menschen, und seien sie noch so unterschiedlich, möglich ist - von Menschen also, die Vorbilder sind, weil sie gezeigt haben, dass die Menschenfeinde nicht siegen müssen. Das Böse in der Welt lebt nämlich nicht durch die, die Böses tun, sondern durch die, die Böses dulden, und es kann gehemmt werden durch die, die es nicht dulden.

"Findlinge" heißt dieses Kapitel, weil es natürlich ausgeschlossen ist, eine Vollständigkeit anzustreben. Es muss bei der zufälligen - oder auch nicht zufälligen - Begegnung mit einem Werk bleiben, das bekannt zu machen sich lohnt.

Das bedeutet auch, dass jeder einen Vorschlag für diese Liste machen kann. Eine kurze Beschreibung des Inhaltes wird natürlich hilfreich sein.

Sapere aude !

  Eingangs wird an Immanuel Kants 'Zum ewigen Frieden' erinnert, den die meisten Verlage im Programm haben. Besonders günstig ist er bei Reclam zu beziehen (85 Seiten)

Wer den Mut hat, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, wird diese Schrift mit Gewinn lesen, eine Schrift, auf die sich die Gründer des Völkerbundes - der Einfluss auf die Vierzehn Punkte Wilsons ist unverkennbar - und der UNO berufen haben, während andere in ihr einen ironisch-zynischen Kommentar eines auf- und abgeklärten Philosophen zur Politik sehen; Kants Lieblingswirtschaft lag nämlich neben einem Friedhof und hieß "Zum ewigen Frieden.

Der 1795 erschienene Entwurf trägt zum ersten Mal der durch die technischen, wirtschaftlichen und geistigen global wirksamen Umwälzungen der Neuzeit bedingten Notwendigkeit einer Weltpolitik Rechnung und ist seitdem aktuell; man muss nur an die Forderung "Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines anderen Staates einmischen" denken.

 

 

 

  Als Zweites soll erinnert werden an einen Menschen, über den Martin Niemöller, das geistige Oberhaupt der Bekennenden Kirche, gesagt hat: "Er war ein etwas sonderbarer Heiliger":

Pierre Joffroy, Der Spion Gottes. Kurt Gerstein - ein SS-Offizier im Widerstand. Aufbau Taschenbuch Verlag, 11955, 561 Seiten. Mit zahlreichen Fotos.

Bernd Hey u.a., Kurt Gerstein (1905 - 1945). Widerstand in Uniform. Verlag für Regionalgeschichte, 2000, 72 Seiten, 56 Abb.

Der überzeugte evangelische Christ Kurt Gerstein trat nach seiner Entlassung aus der NSDAP 1941 der SS bei, "um in das Dunkelste hineinzusehen" und als Zeuge berichten zu können. Aufgrund seiner technisch-medizinischen Fähigkeiten wurde er Leiter der Abteilung "Gesundheitstechnik" im "Hygiene-Institut" der Waffen-SS, erhielt den Rang eines Obersturmführers (Hauptmann) und war ab Juni 1942 verantwortlich für die Beschaffung von Zyklon B für die Vernichtungslager in Polen; die Rechnungen der Herstellerfirma DEGESCH sind an ihn adressiert.

Am 25. Juli 1945 wurde er im Militärgefängnis Cherche-Midi in Paris erhängt aufgefunden.Weder amerikanische Militärstellen, denen er sich zunächst gestellt hatte, noch später die französischen hatten seinen Erzählungen Glauben geschenkt. Gerstein war ein SS-Mann und damit schuldig, und damit war der Fall erledigt.

Die schriftliche Fassung seiner Erinnerungen, der "Gerstein-Bericht", die erwährend der französischen Gefangenschaft in Rottweil im Hotel Mohren - die Urfassung liegt in französischer Sprache vor - verfasste, ist erhalten geblieben.

Der polnische Historiker Léon Poliakov hat über ihn geschrieben: "Der Deutsche Gerstein war ein 'Gerechter unter den Heiden' - und sein Name verdient von der Geschichte aufbewahrt zu werden als eines Mannes mit einem edlen, gequälten Gewissen".

Don't forget the forlorn man.

Zu den beiden Büchern: Die Schrift von Bernd Hey u.a. ist als Apologie konzipiert, enthält alle relevanten Informationen und ist reich bebildert. Der 'Gerstein-Bericht' wird auszugsweise in einer deutschen Fassung wiedergegeben. Aussagen von Zeitzeugen bestätigen vor allem das Bestreben dieses Mannes, die ungeheuerlichen Vorgänge in den Kirchen und im Ausland bekannt zu machen (So zu Otto Dibelius: "Helfen Sie ! Helfen Sie ! Das Ausland muss es wissen !"). Das Literaturverzeichnis enthält 17 Titel.

Das Buch von Pierre Joffroy, Erstauflage 1971 in Paris, wurde erkennbar von einem Journalisten geschrieben, ist episch breit angelegt und zeichnet sich durch gewissenhafte Recherchen ebenso aus wie durch gekonnte Erzählkunst. Im Anhang befindet sich neben zahlreichen Dokumenten, die Weitergabe von Informationen durch Gerstein an die Bekennende Kirche und an ausländische Stellen betreffend, auch der 'Gerstein-Bericht' in einer Übersetzung der französischen Urfassung sowie eine ausführliche Bibliographie. Neben der Würdigung der Person Kurt Gersteins bietet dieses Werk auch tiefe Einblicke in die gesamte Tötungsmaschinerie des Nazi-Regimes und in die Vorstellungswelt der Täter.

 

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An sehr vieles erinnert das Buch von Mark Roseman ‚In einem unbewachten Augenblick. Eine Frau überlebt im Untergrund’, Aufbau-Verlag, 2000, £.....

Es erzählt nicht nur von der Flucht der Marianne Strauß – der Bericht über ihre Flucht im August 1943 und den Überlebenskampf beginnt überhaupt erst auf S. 305; geschildert werden die Situation einer begüterten jüdischen Familie in Essen nach dem 1. Weltkrieg, die schrittweise Entrechtung und Enteignung ab 1933, die Illusion, einem selber könne ja nichts passieren, das hartnäckige Hoffen, es werde sich noch alles zum Besseren wenden, dann die verzweifelten Versuche, noch ins Ausland zu gelangen, und die Rolle, die die Abwehr dabei spielte, die Mischung aus Hilfsbereitschaft und Bereicherungssucht bei manchen Nachbarn und ‚Freunden’, geschildert werden schließlich die Deportation der Familie im August 1943 und die Flucht der Marianne. Eingewoben ist eine berührende Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Holocaust.

Der Autor ist bestrebt herauszufinden, was wirklich geschehen ist, berichtet aber auch, und zwar ausführlich, über seine hartnäckigen Recherchen bis hin zu der Frage, inwieweit Trauerarbeit und Verdrängung die Erinnerung von Marianne und anderen Zeugen verändert und verfälscht haben. Diese immer wiederkehrenden psychologisierenden Passagen sind zwar anstrengend, aber zweifellos das Besondere an diesem Buch, das meisterhaft an einem Einzelschicksal das Grauen aufzeigt, das den Juden in Europa durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Helfer bereitet wurde.

 

Wilm Hosenfeld

„Ich versuche jeden zu retten“

Das Leben eines deutschen Offiziers in Briefen und Tagebüchern.

Herausgegeben von Thomas Vogel im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes Potsdam. DVA 2004. £

 

Wilm Hosenfeld war der deutsche Hauptmann, dem

Wladyslaw Szpilman („Der Pianist“) zur Zeit des Warschauer Aufstandes nach seiner Entdeckung in einer Dachbodenkammer die cis-moll-nocturne von Chopin vorspielte.

Erzählt wird in Form von Aufzeichnungen und – vor allem, was den 2. Weltkrieg betrifft – Briefen die Geschichte eines deutschen Offiziers, der als Patriot bereits den 1. Weltkrieg erlebte. Wie so viele glaubte er, auch als Patriot in den 2. Weltkrieg ziehen zu müssen. Als Zeuge der von SS und SD begangenen Verbrechen in Polen entschied er sich im Konflikt zwischen Befehlen und der Menschlichkeit eindeutig und konsequent für die Menschlichkeit und half von seiner Dienststellung als 1c aus, wenn er eine Möglichkeit sah zu helfen. Kraft und Rückhalt bei diesen für ihn lebensgefährlichen Aktionen gab ihm das Christentum in der Form des katholischen Bekenntnisses.

Das Buch umfasst die gesamte Lebensspanne des Offiziers Wilm Hosenfeld; Schwerpunkt sind aber eindeutig die in seiner Umgebung mit dem Krieg einhergehenden Verbrechen und seine Versuche, in seinem Zuständigkeitsbereich gegenzusteuern. Der extrem fleißige Briefschreiber  berichtet in zeitweise  täglichen Briefen an seine Frau und die Kinder sowie in ausführlichen Tagebuchnotizen sehr direkt über die Zustände und seine Hilfsaktionen und spart nicht mit pessimistischen Prognosen, ganz so als gäbe es keine Gestapo.  Dazu gehört auch der Bericht über die Rettung zahlreicher Teilnehmer am Warschauer Aufstand und des Pianisten Wladislaw Szpilman (S. 898).

Sein Tod in einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager erinnert an das Schicksal des schwedischen Diplomaten  Raoul Wallenberg, Retter vieler Budapester Juden, der seit seiner Festnahme durch sowjetische Einheiten des Politkommissars Leonid Breschnjew verschollen ist.

 

 Das Verdienst, dieses Zeugnis des aktiven Widerstandes eines einzelnen Menschen gegen die Barbarei bekannt gemacht zu haben, gebührt der Familie Hosenfeld und Thomas Vogel vom Militärhistorischen Institut Potsdam. Für jeden, der sich für das „andere Deutschland“ interessiert geradezu eine Pflichtlektüre.