Todesmarsch der ungarischen Juden durch Leoben

Dokumentation

Anfang April 1945 erreichte der Zug der ungarischen Juden auf dem Weg vom Burgenland nach Mauthausen Leoben und zog - wahrscheinlich vom 5. – 7. April -durch die Stadt. Am Präbichl, wo am 8.4.1945 ein Massaker stattfand, kamen von den ursprünglich 10.000 noch 8.000 an – deshalb Todesmarsch. Mit Hilfe von Zeitzeugen bzw. deren Kindern – heute ältere Menschen- konnten die verschiedenen Wege durch die Stadt festgestellt werden.

Die einzelnen Strecken:

Die Route über den Diebsweg.

a. Herr Michael Quinesser, Bachgasse 47, Leoben - Göss, bestätigt an Eides Statt mit Datum 8. April 1947 dass Frau Maria Schmidt, Bachgasse 2 Leoben-Göss, im April 1945 Angehörige „eines Transportes vorbeiziehender Juden, welche von hier über den Präbichel nach Mauthausen geführt wurden, mit Marmeladenbroten und Äpfeln beteilt" hat. Die erfolgte Anzeige hatte aber wegen des Kriegsendes keine Folgen mehr. Weitere Zeugen dieses Vorfalls werden in dem Dokument angeführt. Bachstr. 2 gewährt einen Blick auf die Kaltenbrunnerstr.

Quelle: Privatarviv Wedrac

 

b. Herr Ernst Domej schreibt: „Im Frühjahr 1945 gelangte ein Zug Juden, der über den Diebsweg kam, durch die Stadt. Auf ihrem Weitermarsch über den Präbichel wurden viele erschossen, andere kamen vor Erschöpfung und Kälte um."

Quelle: Vom „Umbruch" zum „Zusammenbruch". Steirische Schicksale. Hrsg. Günther Jontes. Leoben 2009, S. 185

 

c. Frau Johanna Eberz, ergänzt von ihrem Mann, Herrn Wilhelm Eberz, Max Tendler Str. 10, erklärt: Als Kind habe sie mit ihrer Mutter in Leitendorf vor dem Haus Nr. 32 (heute Ferdinand Hanuscch Str) im Frühjahr 1945 einen sehr langen Zug von Elendsgestalten erlebt. Die Mutter habe zu trinken geben wollen und von einem Volkssturmmann gesagt bekommen: Wenn sie zu trinken gebe, könne sie sich gleich einreihen. Einen Mann der röchelte „Wasser, Wasser" und andere im Zug haben dann die Mutter und eine Nachbarin mit einigen Kübeln Wasser übergossen, was nicht beanstandet wurde.

Quelle: Ein Video-Interview von einer Maturandin des Neuen Gymnasiums, schlechte Qualität, aber informativ.

d. Frau Margarete Abendstein, Trofaiach, Gößgrabenstr, 11, erklärte: Sie habe im Frühjahr 1945 in der Zirkusstraße nahe der heutigen Ferdinand Hanusch Str. gewohnt und den langen Zug der Elendsgestalten gesehen. Das sei für sie noch heute so furchtbar, dass sie auf Anraten ihres Sohnes kein Video-Interview geben könne.

Quelle: Mehrere Telefongespräche mit Frau Abendstein.

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Frau Edeltrude Schwaiger erklärte: Sie habe als Lehrmädchen der Schneiderei den Zug erlebt. Die Werkstatt ihrer Meisterin lag im 1. Stock eines Hauses, das an der Stelle des heutigen Parkplatzes der HbLA in der Kerpelystr.. stand . Die Mutter der Meisterin warf Brote aus dem Fenster, was von einem Volkssturmmann, den alle kannten und der in die Werkstatt eilte, strengstens verboten wurde..

Nach Frau Schwaiger ist der Zug stundenlang vorbeigezogen, habe gar kein Einde genommen, am Vormittag (Jausenzeit) habe er begonnen und auch am Nachmittag sei er l vorbei gezogen.Er musste allerdings auch vor der Bahnschranke anhalten, nach der er durch die Kerpelystr. weiter Richtung Donawitz weiter zug. . Sie kann nicht sagen, ob er von rechts (Kerpelystr, Pestalozzisachule) ) oder von der Donawitzerstr kam. Die Länge des Zuges und die Tatsche dass von der Donawitze Str. nur ein nächtlicher Zug bezeugt ist, spricht dafür, dass es sich um den Zug aus Göss bzw. vom Diebsweg gehandelt hat.

Quelle: Ein Video-Interview mit Frau Schwaiger.

 

Frau Roswidtha Denes, Sperlhofgasse 19, Leoben, berichtet: Die Eltern, die auch schon in der Sperlhofgasse 19 gewohnt haben, waren auf dem Friedhof in Donawitz. Unterwegs haben sie ein Brot gekauft, das die Mutter getragen hat. Auf dem Rückweg ist ihnen in Höhe des ehemaligen Sebinger Gasthauses (unweit der Einmündung der Donawitzer Str. in die Kerpelystr.) ein sehr langer Elendszug begegnet. Die Füße der Elendsgestalten waren z.T. nur mit Lumpen umwickelt. Eine Frau röchelte „Hunger". Frau Schwab brach ein Stück vom gekauften Brot ab und wollte es der Frau geben. Einer der Bewacher schlug sie daraufhin mit dem Gewehrkolben auf den Kopf, worauf sie von ihrem Vorhaben Abstand nehmen musste. Aus welcher Richtung der Zug kam, haben die Eltern von Frau Denes nicht berichtet, als ungefähren Zeitpunkt vermutet sie die Dämmerung.

Quelle: Ein Interview mit Frau Denes.

 

Die Route von Bruck aus auf der Proleber Seite der Mur. Wahrscheinlicher Grund:

Die Hauptstraße von Bruck über Niklasdort war sicher zeitweise von zurückflutenden deutschen und ungarischen Truppen voll in Anspruch genommen. Nach den Brüdern Herbert und Franz Wanz (s.u.) dauerten die Züge mehrere Tage.

Die meisten der folgenden Angaben stammen von Schülerinnen und Schülern des Neuen Gymnasiums und wurden von diesen im Rahmen des von Mag. Winfried Hofer - in Zusammenhang mit der Errichtung des Mahnmals auf dem Präbichel – unter dem Projekttitel „Schüler suchen Zeitzeugen" in Form von Interviews (Protokolle) gesammelt. Gekennzeichnet werden diese Angaben unter „Quelle" mit NG und der Seitennummer des Skriptums. Der Text der Protokolle wurde teilweise übernommen.

 

 

 

 

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Herr Fritz Inkret, Leoben, erinnert sich, „dass der Judentodesmarsch von Bruck

über Proleb und Niklasdorf und am Leobener Bahnhof vorbei hinauf nach St.Peter-Freienstein geführt worden sei…..Marschunfähige wurden erschossen, die Leichen meist nicht mehr gefunden. Wenn man einem Juden ein Stück Brot gab, konnte man selber umgebracht werden."

Der Übergang über die Mur muss auf der damals vorhandenen Holzbrücke stattgefunden haben, deren Existenz, von Herrn Kurt Kraus erwähnt, von der Gemeinde Niklasdorf bestätigt wurde. Die anschließende nach Niklasdorf führende Straße existiert in großen Teilen noch und gehört heute zum Werksgelände von Brigl & Bergmeister.

Quelle: NG S.54

 

Die Brüder Herbert und Franz Wanz, Seegraben, Proleberstr. 48, berichten, dass „…Lagerhäftlinge aus Ungarn, von Wachmannschaften bewacht, an zwei oder drei Tagen am Wohnhaus der Familie Wanz vorbeigetrieben" wurden. Die Bewohner des Mietshauses haben dann Essbares aus den Fenstern geworfen, wovon manches in den zur Straße hin tiefer gelegenen Hof viel. Die beiden Burschen warfen dann diese Sachen vom Hof aus weiter auf die Straße bis der ihnen bekannte Ortsgruppenleiter eingriff. Auch der Vater der Burschen bekam Schwierigkeiten.

Manche Züge wurden also über die Holzbrücke nach Niklasdorf geleitet, andere über Proleb, Südbahnstr., Bahnhof und weiter.

Quelle: NG, S.59f

 

Herr Jelll sen. Leoben,Besitzer der „Obersteirischen Zeitung", hat als Jugendlicher auf der Kärntner Str. in Höhe der heutigen Kaufhäuser Hofer und Lidl den Elendszug gesehen. Er war aber zu keinem persönlichen Gespräch bereit.

Quelle: Interview mit dem Sohn, Herrn Markus Jell.

 

Herr Kurt Kraus hat sein Wissen über den Todesmarsch von seiner Mutter, die ihn

beobachtet hat. Demnach ist ein langer Zug von der Mühltal Str. kommend über die Langgasse, Dominikanergasse, Franz-Josef Str., Bahnhof und Zeltenschlagstraße weitergezogen. Beim Gärner Park und beim Bahnhof hat es je einen Toten gegeben.

Quelle: Videointerview mit Herrn Kraus.

 

Herr Alfred Safran, Kapfenberg, und ein Freund kamen mit dem Fahrrad aus Bruck zurück, wo sie eingekauft hatten. In Höhe der heutigen Einkaufszentren in Lerchenfeld (Kärntner Str.) sahen sie den Elendszug. Alfred stand hinter einem Auto und warf den Juden ein Stück Brot zu, auf das sie sich sofort stürzten. In Leoben beobachteten sie, wie zwei Juden die flüchten wollten, niedergeschossen wurden. Auch auf dem Hauptplatz wurden sie verprügelt und getreten. Nach dem Schwammerlturm sprangen viele in die Mur, die von SS-Männern fast alle erschossen wurden.

Quelle: NG, S.58f

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Frau Hildegard Fischer, Leoben, berichtet: „ Ich war auf dem Weg zu meinem Vater in die Firma (hinter dem heutigen Landeskrankenhaus in Leoben) und beobachtete, wie ein langer Zug von Menschen, den Weg von der Stadt kommend, in Richtung Eisenerz marschiert ist. Da sah ich SS-Männer mit Schlagstöcken und Peitschen die Menschen die Straße entlang treiben."

Die Formulierung „von der Stadt kommend" kann bedeuten von der Zeltenschlagstr. oder – was aufgrund dieser Formulierung „von der Stadt" wahrscheinlicher ist – von der Vordernberger Str. Jedenfalls müssen die Menschen nach Überqueren der damals vorhandenen Bahnübersetzung die Vordernber Str. in Richtung Donawitz weiter getrieben worden sein. Die anschließend erwähnten Beobachtungen bestätigen dies.

Quelle: NG, S.52

 

Herr Rudolf Berger, Leoben, berichtet „Ich war damals im April 1945 dreizehn Jahre alt….Nach kurzer Zeit ertönte ein Schuss und wir sahen, wie ein Mann zusammensackte. Die Leiche wurde von der Begleitmannschaft kurzerhand unweit des ehemaligen Gasthofes „Töllerlhammer" über die Böschung in den Vordernberger Bach geworfen."….."Im Nachhinein hörte man, dass in dieser Nacht etwa ein Dutzend Menschen an Erschöpfung gestorben waren, die dann angeblich am Zentralfriedhof begraben wurden."

Aufgrund der Ortsangaben „Gasthof Töllerhammer" und „Vordernberger Bach" muss der beobachtete Zug vom LKH kommend die Vordernberger Str. weiter nach Donawitz u.s.w. gezogen sein.

Quelle: NG, S.50

 

Herr Robert Reich hat mit einem Freund im Bereich der heutigen Donawitzer Kläranlage den Zug der „ungarischen Juden" vom rechten Ufer des Vordernberger Baches aus beobachtet. Gegen vier Uhr nachmittags sahen sie den Zug der ungarischen Juden, die auf dem Weg nach Mauthausen waren, vorbeiziehen. Begleitet wurden sie von einem SS-Mann und Volksstürmlern aus der Umgebung. Ein Mann, der nicht weiter konnte wurde vom SS-Mann die Böschung hinunter gestoßen und dann mit einer Pistole erschossen. Als er die beiden Jungen bemerkte, rief er ihnen zu „Jungs, scharrt das Schwein ein".

Offensichtlich hat sich dieser Vorfall wieder auf der Vordernberger Str. in Nähe des Werkes Donawitz abgespielt.

Quelle: NG, S.52f

 

 

 

 

 

 

 

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Zusammenfassung: Der „Todesmarsch" der ungarischen Juden bestand also auf vielen Einzelzügen, die aus den Zwei Hauptrichtungen Diebsweg und Bruck kamen und in der Stadt zu verschiedenen Tageszeiten verschiedene Straßenzüge benutzten. Auch nach der Stadt Leoben hat es laut den Schülerprotokollen noch zwei Routen gegeben: In St. Peter Freienstein entweder gerade aus über die Gmeingrube nach Trofaiach oder links über Edlung nach Hafning.. Nach Hafning kann nur die eine zum Präbichel führende

Straße benutzt worden sein. Da am Präbichel etwa 8000 Häftlinge angekommen sein sollen, stellt sich die Frage, ob die einzelnen Züge nach Trobaiach bzw. Hafning wieder zusammengeführt wurden oder ob die Zahl 8000 die Summe aller Züge darstellt, die sich vielleicht über mehrere Tage hingezogen haben.

Aufgrund der Schülerprotokolle lässt sich diese Frage nicht entscheiden.

Im Hinblick auf eine aufzustellende Gedenktafel ist noch zu überlegen ob man

1.Die bekannt gewordenen Orte wie Gärner Park, Bahnhof, Töllerlhammer, an denen

es Tote gegeben hat, kennzeichnen soll

2. Im Begleittext die Tatsche, dass bei fast allen Begegnungen mit dem Zug die unter

den damaligen Umständen größtmögliche Hilfsbereitschaft zum Ausdruck kam,

wähnen soll.

 

 

Leoben, den 2. Februar 2011 Eugen Lang